Magazin
28. Mai 2019, 
Katharina Raab

Zu busy, um die Welt zu retten?

Das Bild einer toten, von Plastik strangulierten Schildkröte kennen wir gut. Auch bei der Eröffnung von Erlangens erstem Unverpacktladen mahnte es die Anwesenden, ihre Verbrauchergewohnheiten doch bitte schleunigst zu überdenken. Doch reicht das aus? Wie nachhaltig können wir konsumieren? Wie schnell unsere Gewohnheiten ändern? Und was bedeutet das für die Prozesse in unserer Agentur?

„Back to the roots. Wir haben uns schon im Mittelalter mit festen Seifen gewaschen“, lässt mich der Mann in der blauen Trainingsjacke auf der Kellerbühne des E-Werks stutzen. Die älteren Damen an meinem Tisch bekunden dagegen halblaut ihre Zustimmung mit Thomas, Geschäftsführer von ZeroHero, Erlangens erstem Unverpacktladen. Harte Seifen sind für sie freilich ein alter Hut.

Für meine Generation hingegen, die in einem Überfluss an Waren und Marken aufgewachsen ist, ist der Verzicht auf etwas, und sei es nur die Markenflüssigkur, doch eher ein Novum. Zu welchen „Roots“ sollen wir Kinder des Komforts und der Convenience denn zurückkehren? Und doch ist sie an diesem Abend da, meine Generation der Mitt-Zwanziger. Wild entschlossen, die Welt zu retten. Um die eifrig Nickenden der Nachkriegsgeneration, scharen sich fast nur Studenten. Die 30- bis 60-Jährigen glänzen mit Abwesenheit. Etwa zu busy, um die Welt zu retten?

Thomas von ZeroHero trifft mit seinen Unverpacktläden – den Prototyp eröffnete er 2017 in Nürnberg – einen Nerv unserer Zeit. In der wir uns zwar immer noch darüber definieren, was wir kaufen und was wir essen. Wie wir in den Urlaub fahren, welche Kleidung wir tragen, ob wir einen Diesel oder ein Fahrrad besitzen. Nur dass es dabei nicht mehr nur um den Preis dieser Dinge geht, ihre pure Statussymbolik, sondern darum, ob sie dem Planeten schaden oder eben nicht. Konzerne, Unternehmen und Großhändler kommen in Erklärungsnot – und geraten unter Handlungsdruck. Und das ist gut so. Soziale Netzwerke, Diskussions- und Vortragsrunden in Fernsehen und Bundestagsdebatten tragen täglich dazu bei, dass wir immer bewusster mit Konzepten wie Umweltverschmutzung, Klimawandel und Artensterben umgehen. Naja, zumindest Bescheid wissen, wenn wir es denn wollen.

Denn was fangen wir an mit diesem Wissen um den nahenden Weltuntergang? Wir konsumieren weiter. Erwarten aber mehr von den Produkten, die wir kaufen. Wir wollen wissen, wo sie herkommen, wie sie produziert werden und wie die Kuh hieß, die unseren ökologischen Fußabdruck vergrößert. Und nein, auch ich will nicht, dass der Plastikring, der die Schildkröte an einem Südsee-Strand stranguliert, aus meinem Hausmüll stammt.

Nachhaltigkeit, Regionalität und Transparenz sind heute Trumpf. Thomas weiß das. Und er sammelt Gleichgesinnte um sich. Ehrlich und unverpackt – der Claim von ZeroHero ruft auch Skeptiker auf den Plan. Denn wie ehrlich und nachhaltig kann selbst ein Unverpacktladen sein, der zwar auf Plastik-Umverpackungen verzichtet und auf Regionalität achtet, dafür aber auch gesalzene Preise verlangt und seine Waren genauso von A nach B transportieren muss? Was ist mit Plastikpartikeln in Bambus-Zahnbürsten, die – so sagt Thomas – aus hygienischen Gründen notwendig sind? Und was geschieht, wenn es aufgrund des nächsten Jahrhundertsommers auch in regionalen Lieferketten zu Engpässen kommt? „Wenn man Wert auf Regionalität legt“, findet Thomas. „Dann muss man auch in Kauf nehmen, dass nicht immer alles verfügbar ist.“

Logo. Wir müssen auch unser Mindset aus- und umverpacken. Privat wie im Job. Nicht immer alles ausdrucken, die Treppe bezwingen, statt den Aufzug zu bemühen. Mit dem Zug zur Arbeit fahren, besser noch mit dem Fahrrad. Und ja, dem Unverpacktladen mal einen Besuch abstatten. Um zu lernen, wie man verträglicher konsumiert und um zu verstehen: Welche Alternativen haben wir? Seit einigen Wochen steht uns in der Agenturküche nur noch Bio-Milch in Glasflaschen oder vom Bauern um die Ecke zur Verfügung. Genauso Fair Trade-Kaffee. Wasser gibt es für uns schon länger in Glas- und nicht mehr in Plastikflaschen. Wir haben sogar eine Nachhaltigkeitsbeauftragte in unseren Reihen installiert. Weil wir grüner werden wollen, besser und bewusster.

Ob wir das vollumfänglich können und ob deshalb weniger Schildkröten an Plastik verenden? Vermutlich nicht, doch ich weiß, dass die nächste Plastikflasche, die in den Meeren treibt, nicht meine oder die meiner Kolleg*innen ist. Wir sind rund 30 Frauen und Männer bei Birke und Partner. Das sind immerhin rund 300 Plastikflaschen, die wir in unserer Arbeitswoche nicht benutzen werden und die anschließend nicht recycelt oder vernichtet werden müssen. Das ist doch etwas. Es ist zumindest ein Anfang.