Magazin
8. April 2017, 
Katharina Raab

Kannst du Grass?

„Ich bin doch keine Maschine“, säuselt Tim Bendzko derzeit bemüht gesellschaftskritisch in den Charts. Und liegt damit offensichtlich falsch. Jedenfalls, wenn es um den Verfasser von Online-Texten geht.

Die automatisierte Text-Generierung ist keine Zukunftsmusik mehr, sagt Alexander Siebert, MCS.1-Referent und Mitbegründer der Retresco GmbH, die das macht, was auch ich lange nicht für möglich hielt: Maschinen das Schreiben beibringen – für Fußball-Fans, für Auf-Schön-Wetter-Hoffer und für Auf-Produktbeschreibungen-Wertleger. Wenn Maschinen, wie übrigens jeder Volontär, lernen können, Texte nach Schema F zu verfassen, was macht das dann aus meiner Zunft? Als Redakteurin malte ich mir bislang eine gewisse Unantastbarkeit aus, jedenfalls was die Häscher der Digitalisierung angeht. Der vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsfoschung für die ARD entwickelte Job-Futuromat, der den Substituierungsgrad von Berufen anhand der von Maschinen potenziell ersetzbaren Tätigkeiten ermittelt, bescheinigte mir bislang ein eher geringes Risiko, einmal von Robotern verdrängt zu werden. Ich habe das wirklich gleich überprüft und erleichtert aufgeatmet. Denn mal ehrlich: Wem bereitet sie nicht Sorge, diese so unglaublich viele Veränderungen verheißende Digitalisierung?

Jenen, die sich um einen konstruktiven Umgang mit ihr bemühen, offensichtlich. Menschen, wie Herr Siebert, die einem zeigen – als wäre es das normalste der Welt – wie die Zukunft der Textgenerierung aussehen kann und vermutlich auch aussehen wird. Die Maschine als Urheber gut verständlicher Informationshappen, als zuverlässiger Lieferant unersättlicher Content-Plattformen. Schneller und – hat sie einmal gelernt, wie sich ein Texttyp strukturiert und formuliert – präziser als der Mensch. Studien belegen darüber hinaus: User goutieren die Maschinen-Texte ohne Murren. Qualitätsunterschiede Fehlanzeige. Zumindest nicht auf den ersten Klick.

Der Mensch ist anpassungsfähig. Wir haben uns daran gewöhnt, dass das geschriebene Wort zwar von Maschinen prozessiert, aber von Menschenkopf erdacht und von Menschenhand orthografisch mal mehr mal minder richtig in die Maschine getippt wird. Wir haben uns daran gewöhnt, nicht mehr mit dem Federkiel zu klecksen, sondern akkurat mit dem Kuli zu finelinen und: Wir finden es ziemlich komfortabel, heute nicht mehr auf der Schreibmaschine, sondern in Word zu texten. Solange sie uns das Leben leichter machen, mögen wir Maschinen. Sobald sie sich aufmachen, unsere Intelligenz herauszufordern, vermeintlich inhärent menschliche Eigenschaften zu imitieren, wittern wir gleich den Untergang der Kultur. „Digitalisierung ist wie Voldemort“, lacht Alexander Siebert und entlarvt damit unseren Fortschrittsverdruss.

Wir müssen uns enthysterisieren
Eine Dame mit offensichtlich fundiertem journalistischem Background bringt es an diesem Abend auf den Punkt: Man müsse sich enthysterisieren und diesen Entwicklungen ein wenig entspannter entgegenblicken. Die Digitalisierung ist nicht schuld daran, dass Kinder keine Bücher mehr lesen und dass unser sprachlicher Ausdruck zunehmend den Bach runtergeht, dass wir bequem geworden sind angesichts der vielen Kanäle, über die wir am liebsten visuell kommunizieren. Wir sind es, weil wir die Digitalisierung unbegleitet auf jeden los lassen. Wir sind es, weil wir uns stellenweise weigern, dem Fortschritt differenziert gegenüberzutreten. Wir sind es, weil wir das glauben, was wir glauben wollen, weil wir die Wahrheit zu einer Variablen verkommen haben lassen. Wir sind es, weil wir die Maschinen gierig für unsere Zwecke instrumentalisieren.

Was Alexander Siebert an dem Abend im MCS.1 erzählt, klingt ziemlich unausweichlich. Texte werden künftig verstärkt automatisch generiert, auch um unsere steigenden Informationsbedarfe zu stillen. Irgendwann wird es das Label "roboter generated" geben. Irgendwann, denn noch sind Content-Anbieter in der Offenlegung dieser Maßnahmen zurückhaltend. Die Medienbranche verändert sich, genauso die Medienhäuser. Statt Redakteuren halten dort zunehmend IT- und Softwareexperten Einzug. Nur unsere Werte sollten sich nicht verändern. Genauso wenig unser Anspruch, fundiert informiert werden zu wollen.

Ein zukunftsfähiger Kompromiss?
Angst ist kein guter Ratgeber. Nie gewesen. Wir sollten also nicht den Tag fürchten, an dem die Maschine einen Literatur-Nobelpreis bekommt oder Goethe zum Algorithmus wird. Stattdessen sollten wir die Chancen sehen, die Digitalisierung uns bietet. Maschine und Mensch, das müssen keine Feinde, das können Partner sein, die sich gut ergänzen. Wenn Maschinen uns den Rücken freihalten, lästige Produktbeschreibungen für Online-Shops texten, Spielberichte für die dritte Liga oder Wettervorhersagen für jeden Winkel Deutschlands bereitstellen, haben wir mehr Zeit und Geld für fundierte Recherchen, für echte Nachrichten, für richtig gute Texte. Vielleicht ist es blauäugig, so zu denken, aber wäre das nicht ein zukunftsfähiger Kompromiss?

Klar ist: Die Perfektion des Menschen, seine Effizienz und seine Schnelligkeit, haben Grenzen. Wir können im direkten Leistungsvergleich wohl nicht immer mithalten mit der Maschine. Und das müssen wir auch nicht. Irren ist menschlich und manchmal auch sehr unterhaltsam. Was wären wir ohne unsere tägliche Dosis "Perlen des Lokaljournalismus"? Können Maschinen Humor? Können sie kreativ? Können sie Sätze, die unsere Fantasie beflügeln, unser Herz berühren. Können sie interkulturelle Intertextualität? Können sie zwischen den Zeilen schreiben, eine ganze Welt in einen Satz packen? "Ilsebill salzte nach", Günther Grass' Ouvertüre in "Der Butt" wurde einst zum schönsten ersten Satz in der Erwachsenenliteratur gekürt. Liebe Maschine, kannst du Grass?